Über die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie

Oliver Lauenstein vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales referierte über die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA)

Er gab einen Rückblick über nun insgesamt 10 Jahre Arbeit der GDA bezüglich  der Konzeption und Durchführung der Gefährdungsbeurteilung (inklusive psychischer Belastungen). 

Besonders wies er darauf hin, dass die Gefährdungsbeurteilung auch die Führungspersonen umfassen soll. Diese haben andere Formen der Belastung, die ebenfalls erfasst und bearbeitet werden sollen.

Die Ansprache im Betrieb durch die Aufsichtsdienste und die Betreuung durch eine Fachkraft für Arbeitssicherheit führen dazu, dass mehr Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt werden. Darüber hinaus führt das Vorhandensein eines Betriebs- oder Personalrats ebensfalls dazu, dass in Betrieben mehr und bessere Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt werden.

Als nächste Schritte um das Ziel einer flächendeckenden Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung zu erreichen, beschrieb er:

  • Instrumentenentwicklung
  • Qualifizierung
  • gute Beispiele
  • Kooperation aller Akteure
  • Evaluation

Tarifpolitik als Gestaltungsfeld für Gute Arbeit

Sylvia Skrabs von der ver.di Bundesverwaltung, Tarifpolitische Grundsatzabteilung, stellte einige Handlungsfelder Guter Arbeit vor und berichtete, dass immer mehr Tarifverträge in diesen Handlungsfeldern Regelungen schaffen. Außerdem stellte sie für verschiedene Bereiche (z.B. Demographie, Arbeitszeitfragen oder Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben) Beispiele aus Tarifverträgen vor. Das gab uns viele Gestaltungsimpulse, die im Betrieb auch in Betriebsvereinbarungen umgesetzt werden können.

 

Ergebnisse der Betriebsrätebefragung 2018

Dr. Elke Ahlers, vom Referat Qualität der Arbeit, Wirtschafts- und sozialwissenschaftliches Institut der Hans-Böckler-Stiftung Düsseldorf, stellte uns die Ergebnisse der brandneuen WSI-Betriebsrätebefragung 2018 vor. Hier lag der Blickpunkt auf der Arbeitswelt 4.0 (https://www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_40_2018.pdf).

Auf die Frage, ob es in ihrem Betrieb eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen (GB Psyche) gab, sagten 76% der Befragten, dass es keine angemessene GB Psyche gäbe. Die wichtigsten Gründe dafür sind das fehlende Know-how im Betrieb und fehlende Verantwortlichkeiten.

Die Studie untersucht insbesondere welche Ursachen die Betriebsräte für Arbeitsintensivierung und für Arbeitskräfteknappheit sehen, weil in fast allen Branchen Betriebsräte diese Themen als dominierend wahrnehmen. Auch ein interessantes Ergebnis war, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt von Betriebsräten nicht eindeutig abgelehnt oder begrüßt wird.

Geleitet von den Daten vertrat Ahlers die These, dass eine wirkungsvolle Gefährdungsbeurteilung bei diesen Problemen Abhilfe schaffen kann. Betriebe mit guten Arbeitsbedingungen beispielsweise haben weniger Schwierigkeiten Personal einzustellen und zu halten. 

 

 

Grußwort mit Betriebsratsfokus von A. Wörsdörfer

Den politischen Diskurs rund um die Ganzheitliche Gefährdungsbeurteilung rekapitulierte mit uns Annika Wörsdörfer vom DGB Bundesvorstand.

 

Sie sprach den personellen Umbruch im Rahmen der aktuellen Betriebsratswahlen an sowie den Umbruch in der Arbeitswelt durch die Digitalisierung.

Der Trend im Diskurs um betriebliche Gesundheit geht hin zur Eigenverantwortlichkeit der Beschäftigten und weg von der  Inverantwortungsnahme der Arbeitgeber und Arbeitgeberinnen, nach dem Motto “Selbstkontrolle ersetzt Systemkontrolle“. Die Folge ist die stillschweigende Umverteilung der Kosten für unterlassene Prävention nach Außen, z.B. durch Krankenbehandlungskosten in den gesetzlichen Krankenkassen oder durch Frühverrentungen. 

Wenn es um psychische Belastungen geht, gehen oft die Betriebsräte stark in die Verantwortung, das Thema zum Arbeitgeber zu tragen und Gefährdungsbeurteilungen anzustoßen. Die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA) bietet maßgebende Leitlinien zur Durchführung der Gefährdungsbeurteilung Psyche.

Der DGB-Bundeskongress hat Forderungen aufgestellt, nämlich die Verstärkung der Aufsichtsdienste, die Einführung einer klaren Verordnung zum Schutz vor psychischen Fehlbelastungen und die Sanktionierung von Unternehmen, die keine (oder eine unvollständige) Gefährdungsbeurteilung durchführen.

Auftakt: Psychische Belastungen in digitalisierten Arbeitswelten

Prof. Dr. Nico Dragano, Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und erfahrener Stressforscher, eröffnete die Fachtagung mit der Darstellung des Stands der Forschung über Digitalisierung und psychosoziale Arbeitsbelastungen

Kontext seiner Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen von digitaler Arbeit und psychischen Belastungen ist die Entwicklung des Web-Tools “Dynamik 4.0“. Dies ist ein Programm für Unternehmen zur einfachen Datensammlung für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Es kann außerdem als kontinuierliche Feedbackschleife für Probleme in den alltäglichen Arbeitsabläufen von Beschäftigten verwendet werden. Mit der Verwendung dieses Tools soll also u. a. die kontinuierliche Überprüfung der Arbeitsbedingungen, der Arbeitsorganisation und der Arbeitsprozesse gewährleistet werden.   

Digitalisierung und psychosoziale Arbeitsbelastungen

Fakt ist, dass die Digitalisierung branchenübergreifend stattfindet und neue Technologien Arbeitsprozesse verändern. Dabei birgt die Digitalisierung sowohl Risiken wie auch Chancen.

Laut einer Studie zum Beispiel, hatten Beschäftigte mit Angst vor dem Arbeitsplatzverlust durch den Einsatz von Technik ein um 20 % höheres Infarktrisiko als Beschäftigte ohne diese Angst (Virtanen et al., 2007, IPD-Work Consortium).

Beim Thema der Entgrenzung der Arbeit zeigen sich die zwei Seiten der Digitalisierung recht deutlich. Die Verbreitung von mobiler Arbeit und die Verschmelzung von Arbeits- und Privatsphäre durch die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sind Ausdruck dieser Entgrenzung. Als positiv wird bei der IKT-Nutzung die Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung wahrgenommen, während dies gleichzeitig auch mit der Zunahme von Distanzierungsproblemen einhergeht (Nam, 2014). Wenn aber eine Technologie strategisch und konsequent so eingesetzt werden kann, dass sie zum Beispiel die eigene Produktivität steigert, dann wird sie nicht als Belastung wahrgenommen (Yun et al., 2012).

Auch im Bereich der Autonomie kann der Einsatz von Technologien im Betrieb je nach Nutzungsart als Autonomiegewinn oder als Autonomieverlust wahrgenommen werden. Der Autonomiegewinn wäre zu verzeichnen, wenn Beschäftigte selbst Technologien zur Steuerung der eigenen Arbeit einsetzen können. Wird sie zum Zwecke der undurchsichtigen Überwachung “von oben” eingesetzt, wird sie als Autonomieverlust wahrgenommen.

Mit dem Begriff “Technostress” wird bezeichnet, dass beispielsweise regelmäßige Systemabstürze, schlechte Bedienbarkeit oder überkomplexe Softwares als Stressoren gelten.

Geht der Einsatz von Technologien einher mit viel Zeitdruck, häufigen Unterbrechungen und/oder Multitasking, dann wirkt er sich negativ auf die Gesundheit der Beschäftigten aus. 

Fazit

Da der digitale Wandel die Arbeitswelt so rasant und fundamental verändere, hinke die Forschung in vielerlei Hinsicht hinterher, meint Dragano. Konkrete Empfehlungen für die Anwendung von verschiedenen Technologien könne die Forschung also (noch) nicht bieten.

Festzuhalten ist: Technologien sind nicht per se problematisch oder schädlich für die Gesundheit. Es kommt auf eine konsequente und organisierte Einbettung in “humane” Arbeitssysteme an.

Tipps zum Abschluss

Diese strategische Einbettung kann z.B. durch:

  • Schulungen für den ordentlichen Umgang mit der Technik
  • effektiven und verlässlichen IT-Support
  • Einbindung der Beschäftigten im Veränderungsprozess
  • Berücksichtigung der Nutzerfreundlichkeit der Software
  • transparente Kommunikation (als Change Management)
  • und explizite Regeln im Umgang mit Technologie, z.B. betriebliche Regeln für die Begrenzung der Anzahl von E-Mails oder deren Kennzeichnung

gewährleistet werden.

Der Vortrag bildet eine gute Basis für die Auseinandersetzung der nächsten Tage mit dem Thema Gefährdungsbeurteilung und Mitbestimmung.