Kollektives Gesundheitsmanagement statt Individualisierung

17_03Gesundheit ist einer der grundlegenden Werte einer Gesellschaft, für den wir sehr viel Geld ausgeben. Dies macht Annika Wörsdörfer in einem Grußwort des DGB deutlich. Sie zeigt im Anschluss mehrere Linien auf, denen der Gesundheitsschutz der Beschäftigten aktuell in besonderem Maße ausgesetzt ist.

Für den betrieblichen Gesundheitsschutz sei besonders auffällig, dass zunehmend die Selbstverantwortung um sich greift. So werde insbesondere das Engagement für individuelle Gesundheitsmaßnahmen wie z.B. die Rückenschule gefördert, die Anschaffung eines gesunden Stuhls dagegen vernachlässigt. Aber auch Freizeitaktivitäten oder Urlaub werden danach ausgewählt, welche Regenerationsqualität sie haben. Der Druck auf die Beschäftigten, gesund zu leben werde immer höher. In den USA sei es inzwischen möglich, Übergewichtige wegen der Kosten, die das Übergewicht verursacht, zu entlassen.

Zudem sei auffällig, dass bisher unstreitige Arbeitsschutzvorschriften von der Arbeitgeberseite angegriffen würden. Als Beispiel nannte Annika Wörsdörfer die mit polemischen Argumenten durchsetzte Diskussion um die Novellierung der Arbeitsstättenverordnung, die zur Folge hatte, dass diese bisher nicht verabschiedet wurde. Ein weiteres Beispiel sei das Sommerlochthema Aufhebung der geltenden Arbeitszeitregelungen. Die Arbeitgeberseite mache zunehmend eine sogenannte “Regelungswut” geltend, die so nicht erfüllbar sei.

Als Ausblick auf den Herbst berichtete Wörsdörfer von der bevorstehenden Auseinandersetzung um die Novelle der Gefahrstoffverordnung. Aber auch die gesundheitlichen Auswirkungen der Digitalisierung werden ein wichtiges Thema. Denn: Noch fühlen sich 34 Prozent nicht gut gerüstet für die Digitalisierung der Arbeitswelt. Und nicht zuletzt und auch im Zusammenhang mit der digitalen Arbeitswelt bleibe die Anti-Stress-Verordnung auf der Agenda, für die sich der DGB stark machen werde. Diese bedürfe aber auch eines deutlichen Mandats der Belegschaften. Unternehmen müssten gezwungen werden, die Gesundheit der Belegschaft als eine kollektive Aufgabe anzunehmen.

17_07Diesem Fazit schloss sich Dr. Horst Riesenberg-Mordeja in seinem nachfolgenden Referat an. Er betonte gleich zu Beginn seines Beitrags, dass Gegenwehr gegen Individualisierung nur kollektiv erfolgen könne. Bei verdi wolle man deshalb insbesondere acht Aktionsfelder in den Fokus nehmen. Dies seien u.a. der Ausbau der Kooperation mit der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA), die Modernisierung des Arbeitsschutzrechts, der Ausbau der Mitbestimmung oder die Ausweitung der Arbeitsforschung. Digitalisierung, Flexibilisierung und mobile Arbeit brächten neue Risiken hervor. Hier brauche man gesicherte Erkenntnisse, um adäquate gesundheitsgerechte Veränderungen umsetzen zu können.

Auch das Präventionsgesetz bedürfe einer kritischen Betrachtung. Zunächst würden die Kosten derzeit nur von den Krankenkassen und damit – indirekt über die Zusatzbeiträge – von den Versicherten getragen. Das Gesetz brächte aber auch weitere Aufgaben für die Betriebsärzte, die mangels Nachwuchs die auf sie übertragenen Aufgaben schon jetzt kaum noch schultern könnten. Sie würden aber zusätzlich in eine Interessenkollision getrieben, da sie mit den Krankenkassen Verträge schließen müssten, an anderer Stelle aber mit den Interessenvertretungen kooperieren sollten. Und nicht zuletzt verstärke das Präventionsgesetz die aktuelle Tendenz zur individuellen Gesundheitsvorsorge, die eine Schwächung der kollektiven Ebene zur Folge habe.

In einem Ausblick auf den europäischen Rahmen ist auch hier eine Deregulierungswelle des Arbeitsschutzes im Anrollen. Die Stichworte sind REFIT und TTIP.

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