Ist das „Burnout“ ein Problem des Gesundheitssystems oder der Tarifpartner?

Referent: Prof. Dr. Berger

Krankenkassen und andere Institutionen nennen 9 Millionen Krankheitsfälle aufgrund von Burnout. Fakt ist: Die „Psychische Labilisierung“ der Bevölkerung nimmt zu. Die Frage ist jedoch, ob das Phänomen an sich zunimmt oder psychische Erkrankungen einfach nur weniger stigmatisierend wirken. Berühmtheiten outen sich und der Tod von Robert Enke hat die Gesellschaft wach gerüttelt. Ein Problem ist allerdingst die Begrifflichkeit, denn oft wird Burnout für die Tüchtigen gebraucht und die Depressionen für die Schwachen.
Und es stellt sich auch die Frage: ist Burnout Thema des Gesundheitssystems oder der Sozialpartner?

Eine Diagnose im ICD-10 gibt es für das Phänomen Burnout nicht. Wenn es keine Krankheit ist, was ist Burnout denn dann? Und wie können die Institutionen dann 9 Millionen Betroffene zählen? Eine Umfrage der IG Metall verzeichnet einen Zugang von Burnout und Depression. Dagegen zeigt der Stressreport 2012, dass wir nicht mehr gestresst sind als im Vergleich zu den Jahren 2005/2006

Wie kann man das Phänomen nun überhaupt einordnen?

Arbeitsüberlastung -> andauernde Überforderung -> Burnout-Risikozustand -> es folgt chronifizierter Stress -> und dann die Entstehung von Depression, körperliche Erkrankungen oder andere psychische Erkrankungen. Burnout ist somit noch keine Krankheit, aber ein ernstzunehmender RISIKO-Zustand!

Exkurs: Depression

Ca. jede 4. Frau und jeder 8. Mann erkranken im Laufe des Lebens an einer Depression. Fakt ist: In der Schule wurden und werden wir nicht darin geschult, wie man mit Stress umgeht, mit Ängsten, mit psychischer Stabilität. Da werden wir allein gelassen. Viele wissen nicht, dass Depressionen eine episodische Erkrankung ist, die wieder vorbei gehen kann. Nach einer Depression ist man noch labil, man schafft nicht mehr alles „so lässig“ wie vor der Depression. Fast alle Menschen müssen daher durch das Hamburger Modell stufenweise wieder eingegliedert werden, da man nach der Krankheit nicht sofort wieder 100 % einsatzfähig ist.

Was führt denn nun zur Depression?

Es gibt drei Erklärungen für Burnout:

  1. Individuelle Erklärung: Genetische Belastung, Belastete/Traumatische Kindheit, psychische oder körperliche Belastungssituationen (wie z.B. Hormonumstellung, Krankheiten oder auch Jahreszeitenumstellung) Wenn man eine hohe genetische und frühkindliche Belastung hat, dann reichen oft minimale Auslöser aus (wie Jahreszeitumstellung), dass eine Depression ausbricht. Wenn die Depression nicht „in einem angelegt“ ist, kann es sein, dass man bei schlimmen Ereignissen (z.B. Tod vom Partner oder Arbeitsplatzverlust) nicht depressiv wird.
  2. Berufliche Überlastung durch die globalisierte Leistungsgesellschaft: Rationalisierung, Effizienzsteigerung, Multitasking, Verlust an Sicherheiten in Krisenzeiten. Hier darf auch der Begriff „Team Burnout“ nicht fehlen!
  3. Gesellschaftliche Erklärung von Burnout: Die Leistungsgesellschaft suggeriert, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der jeder Einzelne totale Freiheit hat, wenn er sie nur selbst aktiv angeht. Aber oft führt das zur Selbstausbeutung. Die „innere Gewerkschaft“ fehlt, und es bleibt nur noch die Erschöpfung.

BUCH TIPP: Ausgebrannte Teams von J Fengler

Wer ist denn nun bei Arbeitsüberforderung zuständig?

Die Schule, Ausbildung und das betriebliche Gesundheitsmanagement durch Burnout-Prävention!

Wer ist bei BURNOUT(dem Risiko-Zustand) zuständig?

Zum einen soll es über die Lebensmodifikation/Verhaltensprävention (Yoga, Achtsamkeitskurse, Stressbewältigungskompetenzen erlernen etc.) und zum anderen über die wesentlich erfolgreichere Arbeitsplatzmodifikation/ Verhältnisprävention (Weiterbildung, Jobrotation, etc.)!

Die Gewerkschaftlichen Interessensvertretungen waren jedoch nicht konsequent genug einklagbare Richtlinien zur Prävention von arbeitsbedingten psychischen Fehlbelastungen durchsetzten zu können: 2004 haben die Sozialpartner der EU-Staaten vereinbaren, dass psychischer Stress eine Gesundheitsgefährdung ist. In den meisten Staaten werden gesetzliche Verpflichtungen zur Gefährdungsüberprüfung gemacht. In Deutschland jedoch nicht!!

Zur Lebensstilmodifikation und zur Arbeitsplatzmodifikation kommt das medizinische System hinzu, weil es auf den ersten zwei Ebenen nicht geklärt ist! Jedoch sollte es gerade hier angegangen werden, denn das Burnout-Syndrom ist nicht primär Aufgabe des medizinischen Vorsorgesystems, sondern die Aktion liegt in den Betrieben – im Betrieblichen Gesundheitsmanagement. Die Veränderung der Arbeitswelt muss ernster genommen werden.

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