Auftakt: Psychische Belastungen in digitalisierten Arbeitswelten

Prof. Dr. Nico Dragano, Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und erfahrener Stressforscher, eröffnete die Fachtagung mit der Darstellung des Stands der Forschung über Digitalisierung und psychosoziale Arbeitsbelastungen

Kontext seiner Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen von digitaler Arbeit und psychischen Belastungen ist die Entwicklung des Web-Tools “Dynamik 4.0“. Dies ist ein Programm für Unternehmen zur einfachen Datensammlung für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen. Es kann außerdem als kontinuierliche Feedbackschleife für Probleme in den alltäglichen Arbeitsabläufen von Beschäftigten verwendet werden. Mit der Verwendung dieses Tools soll also u. a. die kontinuierliche Überprüfung der Arbeitsbedingungen, der Arbeitsorganisation und der Arbeitsprozesse gewährleistet werden.   

Digitalisierung und psychosoziale Arbeitsbelastungen

Fakt ist, dass die Digitalisierung branchenübergreifend stattfindet und neue Technologien Arbeitsprozesse verändern. Dabei birgt die Digitalisierung sowohl Risiken wie auch Chancen.

Laut einer Studie zum Beispiel, hatten Beschäftigte mit Angst vor dem Arbeitsplatzverlust durch den Einsatz von Technik ein um 20 % höheres Infarktrisiko als Beschäftigte ohne diese Angst (Virtanen et al., 2007, IPD-Work Consortium).

Beim Thema der Entgrenzung der Arbeit zeigen sich die zwei Seiten der Digitalisierung recht deutlich. Die Verbreitung von mobiler Arbeit und die Verschmelzung von Arbeits- und Privatsphäre durch die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) sind Ausdruck dieser Entgrenzung. Als positiv wird bei der IKT-Nutzung die Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung wahrgenommen, während dies gleichzeitig auch mit der Zunahme von Distanzierungsproblemen einhergeht (Nam, 2014). Wenn aber eine Technologie strategisch und konsequent so eingesetzt werden kann, dass sie zum Beispiel die eigene Produktivität steigert, dann wird sie nicht als Belastung wahrgenommen (Yun et al., 2012).

Auch im Bereich der Autonomie kann der Einsatz von Technologien im Betrieb je nach Nutzungsart als Autonomiegewinn oder als Autonomieverlust wahrgenommen werden. Der Autonomiegewinn wäre zu verzeichnen, wenn Beschäftigte selbst Technologien zur Steuerung der eigenen Arbeit einsetzen können. Wird sie zum Zwecke der undurchsichtigen Überwachung “von oben” eingesetzt, wird sie als Autonomieverlust wahrgenommen.

Mit dem Begriff “Technostress” wird bezeichnet, dass beispielsweise regelmäßige Systemabstürze, schlechte Bedienbarkeit oder überkomplexe Softwares als Stressoren gelten.

Geht der Einsatz von Technologien einher mit viel Zeitdruck, häufigen Unterbrechungen und/oder Multitasking, dann wirkt er sich negativ auf die Gesundheit der Beschäftigten aus. 

Fazit

Da der digitale Wandel die Arbeitswelt so rasant und fundamental verändere, hinke die Forschung in vielerlei Hinsicht hinterher, meint Dragano. Konkrete Empfehlungen für die Anwendung von verschiedenen Technologien könne die Forschung also (noch) nicht bieten.

Festzuhalten ist: Technologien sind nicht per se problematisch oder schädlich für die Gesundheit. Es kommt auf eine konsequente und organisierte Einbettung in “humane” Arbeitssysteme an.

Tipps zum Abschluss

Diese strategische Einbettung kann z.B. durch:

  • Schulungen für den ordentlichen Umgang mit der Technik
  • effektiven und verlässlichen IT-Support
  • Einbindung der Beschäftigten im Veränderungsprozess
  • Berücksichtigung der Nutzerfreundlichkeit der Software
  • transparente Kommunikation (als Change Management)
  • und explizite Regeln im Umgang mit Technologie, z.B. betriebliche Regeln für die Begrenzung der Anzahl von E-Mails oder deren Kennzeichnung

gewährleistet werden.

Der Vortrag bildet eine gute Basis für die Auseinandersetzung der nächsten Tage mit dem Thema Gefährdungsbeurteilung und Mitbestimmung.

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