Praxisbeispiel: Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen mit “Dynamik 4.0”

Christina Popp, zuständig für das Personal der Noris Group GmbH, stellte uns das Projekt “Dynamik 4.0” zur Unterstützung von kleinen oder mittelgroßen Unternehmen bei der Erstellung der Gefährdungsbeuteilung vor. Auch Prof. Dr. Nico Dragano hatte das Web-Tool in seinem Vortrag bereits erwähnt. Die Noris Group ist Praxispartner in dem Projekt und wurde als Beispiel ausgewählt.

Es werden spezifische Belastungen in digitalen Arbeitswelten in einem Websystem erfragt. Arbeits- und Organisationspsychologen unterstützen bei der Durchführung der Gefährdungsbeurteilung und ein Handbuch gibt es auch. Nach der Erhebung werden für die kritischen Themen Workshops mit MitarbeiterInnen durchgeführt. Die Ergebnisse werden dokumentiert und evaluiert.

Popp berichtete eine Rücklaufquote von 92% im Pilotbereich (von 13 Personen insgesamt). Dies könnte ein Anhaltspunkt dafür sein, dass die Befragung als vertrauenswürdig  wahrgenommen wird. Die Angaben der Befragten sind strikt anonymisiert.

 

Praxisbeispiel: Das Thema psychische Belastungen in der Ausbildung in Industrie 4.0

Die drei ReferentInnen Antje Utecht (IG Metall Vorstand, Bildungs- und Qualifizierungspolitik), Dr. Claudia Fenzl (Institut Technik und Bildung, Universität Bremen) und Thomas Kaup (Elster GmbH, Teil des Honeywell-Konzerns) stellten uns den Fortgang des Projekts “IntAGt” vor. Letztes Jahr hatten sie dieses bereits im Planungsstadium vorgestellt.

Am Beispiel der Firma Honeywell wurde dargestellt, dass mit den Auszubildenden und den Ausbildern an Belastungen und Ressourcen bei den konkreten Arbeitsaufgaben gearbeitet wird. Andererseits will das Projekt nicht nur auf die Projektbetriebe bezogen wirken, sondern allgemeinere Arbeitshilfen sowie Standardberufsbildpositionen für den Arbeitsschutz in der Ausbildung erstellen.

Fachforen

Am Dienstag Nachmittag haben sich die TeilnehmerInnen in drei verschiedene Vertiefungsgruppen aufgeteilt. Die Themen Mitbestimmung, Kooperation bei der Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung und “Gefährdungsbeurteilung – Pflicht oder Nutzen” wurden diskutiert, Erfahrungen ausgetauscht und anschließend die Arbeitsergebnisse im Plenum vorgestellt.

1. Mitbestimmung im Arbeits- und Gesundheitsschutz: Vor welchen Herausforderungen stehen Betriebs- und Personalräte?

Moderiert von Dr. Ulrich Faber und Hans-Joachim Bartlick.

 

Arbeitsergebnisse:

2. Erfahrungen in der Kooperation bei der Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung im Betrieb

Moderiert von Martin König, Györgyi Bereczky-Löchli und Bernhard Samberger.

Arbeitsergebnisse:

3. Praktische Beispiele für die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen – reine Pflichterfüllung oder Nutzen für die Betriebe?

Moderiert von Manfred Nedler.

Arbeitsergebnisse:

22 Jahre Arbeitsschutzgesetz und keiner macht mit?!

Hans-Joachim Bartlick, ergonomics-berlin, sprach aus seiner 28 -jährigen Erfahrung als Betriebsrat über die Praxis im Arbeits- und Gesundheitsschutz. Er betonte die Mitverantwortung von Betriebsräten bezüglich der Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben des Arbeitsschutzes (laut BetrVG). 

Eine Betriebsvereinbarung zur Beurteilung der Arbeitsbedingungen sei das wichtigste Instrument zur Sicherung der Mitbestimmung der Betriebsräte. Die Gefährdungsbeurteilung ist folglich für die konkrete Arbeit vor Ort fundamental.

Für die Praxis empfahl Bartlick insbesondere eine detaillierte Ausarbeitung der Betriebsvereinbarung. Am besten seien detaillierte Festlegungen in allen relevanten Fragen, z. B. zu welchen Zeitpunkten Gefährdungen überprüft werden sollen, mit welcher Methode diese festgestellt werden sollen, wie die Beurteilung der Gefährdungen geschehen soll, und auch wann und wie die Wirksamkeitskontrolle durchgeführt werden soll.

Für die Erfassung von psychischen Belastungen sei wichtig, Kriterien oder Grenzwerte (z.B. Prozentsätze negativer Antworten) festzulegen, die eine Festlegung, ab wann Maßnahmen getroffen werden, treffen.

Qualität der Mitbestimmung am Arbeitsplatz

Rechtsanwalt Dr. Ulrich Faber fasste die Gesetzeslage zur Mitbestimmung der betrieblichen Interessenvertretung im Arbeitsschutz zusammen. Er betonte, dass die rechtlichen Vorgaben im Arbeitsschutz (bewusst) offen gehalten sind, so dass die Mitbestimmung für die Konketisierung enorm wichtig ist.

Außerdem stellte er das BAG-Urteil vom März 2017 vor, welches die Mitbestimmung bei Maßnahmen im Betrieb näher bestimmt:

  • es bedarf einer gesetzlichen Handlungspflicht, z.B. nach Arbeitsschutzgesetz oder Sozialgesetzbüchern
  • und es bedarf nicht nur einer “Gefahr”, sondern einer “Gefährdung“, also der Möglichkeit eines Schadens.

Diese Gefährdung steht entweder durch z.B. einen Arbeitsunfall fest oder wird in der Gefährdungsbeurteilung festgestellt. Damit wird die  Gefährdungsbeurteilung wichtige Basis der Mitbestimmung und bekommt eine Schlüsselrolle.

Praktisch folgt hieraus, dass für die Betriebs- und Personalräte die Durchführung einer ordentlichen und aktuellen Gefährdungsbeurteilung hohe Priorität muss. Bleibt der Arbeitgeber untätig, haben die Betriebsräte ein Initiativrecht.

Auch auf die Situation der Personalräte ging Faber in seinem Vortrag ein. Für die Personalräte ist das Mitbestimmungsrecht bei der Gefährdungsbeurteilung in den Ländern unterschiedlich geregelt.

GIPFEL064: Forderungen der Betriebsräte für die Arbeitswelt 4.0 – Ergebnisse der Betriebsrätebefragung

Dr. Elke Ahlers berichtet ausführlich über die Betriebsrätebefragung in Bezug auf Arbeitsbedingungen und -verdichtungen, Fachkräftemangel und  die Gefährdungsbeurteilung.

GIPFEL063: Grußwort

Annika Wörsdorfer führt in das Themengebiet ein und verweist auf einige Studien zum Thema Gefährdungsbeurteilung.

Gefährdungsbeurteilung – Kooperationen fördern

Der Referent für betriebliche Gesundheitsförderung des BKK Dachverbands Martin König stellte zunächst das Präventionsgesetz und seine Auswirkungen im Betrieb vor.

Das Präventionsgesetz ermöglicht neue Kooperationen in der betrieblichen Gesundheitsförderung bzw. dem Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM).

Zusätzlich gibt es neuerdings das Deutsche Siegel Unternehmensgesundheit (DSUG), ein Verfahren zur Beurteilung der Qualität und Wirksamkeit des BGM. Das DSUG unterscheidet sich von anderen Qualitätssiegeln dadurch, dass es Arbeitgeber- wie auch Arbeitnehmersichtweisen erhebt und einen einjährigen Beratungsprozess durch die BKK beinhaltet. In diesem Rahmen kann auch die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen unterstützt werden.

Gefährdungsbeurteilung – Instrument, Ergebnis, Verpflichtung, Märchen…?

Christian Pangert von der DGUV, Abteilung Sicherheit und Gesundheit, stellte einige Methoden der Gefährdungsbeurteilung vor, die von Seiten der Gesetzlichen Unfallversicherung angeboten werden.

Allerdings war einer seiner Grundgedanken zur Gefährdungsbeurteilung, dass es in den meisten Fällen an Vorbereitung und gründlicher Planung fehlt. Darum bleiben viele Gefährdungsbeurteilungen im Prozess stecken. 

Für eine erfolgreiche Gefährdungsbeurteilung bedarf es einer Kultur der Prävention. Die Beteiligten sollten die Gefährdungsbeurteilung eher als ständigen Prozess der Organisationsentwicklung verstehen und als ständiges Instrument nutzen.

 

Über die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie

Oliver Lauenstein vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales referierte über die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA)

Er gab einen Rückblick über nun insgesamt 10 Jahre Arbeit der GDA bezüglich  der Konzeption und Durchführung der Gefährdungsbeurteilung (inklusive psychischer Belastungen). 

Besonders wies er darauf hin, dass die Gefährdungsbeurteilung auch die Führungspersonen umfassen soll. Diese haben andere Formen der Belastung, die ebenfalls erfasst und bearbeitet werden sollen.

Die Ansprache im Betrieb durch die Aufsichtsdienste und die Betreuung durch eine Fachkraft für Arbeitssicherheit führen dazu, dass mehr Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt werden. Darüber hinaus führt das Vorhandensein eines Betriebs- oder Personalrats ebensfalls dazu, dass in Betrieben mehr und bessere Gefährdungsbeurteilungen durchgeführt werden.

Als nächste Schritte um das Ziel einer flächendeckenden Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung zu erreichen, beschrieb er:

  • Instrumentenentwicklung
  • Qualifizierung
  • gute Beispiele
  • Kooperation aller Akteure
  • Evaluation